Gedenken in Wien und Buenos Aires

Die Folgen aus Hass und Hetze – Das Novemberpogrom von 1938 war der Auftakt zum Holocaust – 80 Jahre nach der sogenannten Reichskristallnacht, wird neben vielen Orten in Österreich auch in Buenos Aires der Pogromnacht gedacht. In der argentinischen Hauptstadt widmet sich ein aus Österreich initiiertes Projekt, an insgesamt 3 Standorten dem Nicht-Vergessen.

Wien, Neudeggergasse, 10. November 1938, 6:00 Uhr

„Um 6 Uhr früh der erste gründliche Einsatz. Vollständige Zerstörung des Neudegger-Tempels. Im 8ten Bezirk. 40 Leute im Café Raimund festgehalten.“
(SS-Einsatzbericht)
„Schon im Morgengrauen, so berichten mir alle, seien sie aus den Häusern herausgeholt oder auf der Strasse gepackt worden. In Kellern (….) habe man Leute dazu gezwungen einenhalb Stunden zu wippen, und wem das bebende Herz, der rasende Puls zum Stillstand zwang, wurde erbärmlich geschlagen. Auch homosexuelle Exzesse seien geschehen.“ ( Ernst Benedikt) Quelle: Profil Nr. 45 – 49 Jg. 5.November 2018

Das vom Wiener Verein „Betrifft: Neudeggergasse“ bereits vor Jahrzehnten initiierte Projekt „Verlorene Nachbarschaft“ setzt sich mit dem Nationalsozialismus auseinander. Es thematisiert die Auswirkungen dieser Ereignisse und stellt die Erforschung der eigenen Vergangenheit in den Mittelpunkt. Ziel dieser Untersuchung war es, Spuren der Synagoge in der Neudeggergasse zu suchen und zu finden, die während der Nacht des Pogroms vom 9. bis 10. November 1938 von Nazi-Gruppen geplündert und zerstört worden ist. Buenos Aires spielt in diesem Zusammenhang insofern eine wichtige Rolle, weil damals sehr viele „Nachbarn“ aus der weiteren Umgebung der Josefstadt in Wien geflüchtet sind und in Argentinien, im speziellen in Buenos Aires eine neue Heimat nach der Vertreibung gefunden haben.

 

 

 

„Die Verlorene Nachbarschaft wurde als naive und authentische Idee geboren, weil die Nachbarn in einem Wiener Stadtteil daran interessiert waren, Nachbarn zu untersuchen, die vor 60 Jahren verschwunden waren.“, erklärt Alexander Litsauer aus Wien einer der Hauptinitiatoren des Projekts bei seiner Eröffnungsrede in Buenos Aires im National Archiv von Argentinien.

Der Politikwissenschafter und Philosoph widmet sich mit dem Verein schon seit Jahren dieser Thematik. Begonnen hat es vor 20 Jahren, als der Verein erstmals „verlorene“ jüdische Nachbarn in der ganzen Welt zu suchen begann, sie gefunden und eingeladen hat, um in Wien Ihre Geschichten der Flucht und Vertreibung zu erzählen.

 

 

 

 

 

 

 

 

10 Jahre später fand zum ersten Mal eine Veranstaltungsreihe Reihe in Buenos Aires statt, da man festgestellt hat, dass besonders viele Menschen hierher geflohen oder emigriert waren. Dabei wurden neben Lesungen und Liederabenden auch die von den Nazis zerstörte Synagoge aus der Neudeggergasse als Fassade in Buenos Aires maßstabsgetreu wieder aufgebaut.

Aus Anlass des Achtzigsten Gedenktages der Novemberpogrome 1938 ist das Projekt mit einer Großausstellung, Podiumsdiskussionen, Workshops und Filmvorführungen im Centro Cultural Kirchner und Archivo General de la Nacion und Archivo de la Memoria von Buenos Aires heute eröffnet worden.

                                     

„Im Memoria Archivo versuchen wir, Begegnungen mit Schulen zu schaffen, um Filme zu zeigen und Workshops zum politischen Bewusstsein zu geben.Hier im Archiv, dank eines großartigen Teams unter der Leitung von Don Emilio Perina, starten heute mehrere Zyklen, erklärt Alexander Litsauer die Programmschwerpunkte.

                                                          

„Im Veranstaltungssaal kommen täglich Filme zur Aufführung. Ich möchte Carlos Echeverrias ausgezeichneten Dokumentarfilm Pacto de Silencio über die Geschichte der deutschen Gemeinschaft in Bariloche um Erich Priebke hervorheben, hervorheben möchte ich auch den eindrucksvollen österreichischen Dokumentarfilm The End of the Neubacher Project und Walter Manoschek’s erstaunlichen Film „Dann bin ich ja ein Mörder“, der ab nächste Woche hier präsentiert wird.“

Ab kommenden Montag gibt es fast täglich Roundtable-Diskussionen mit verschiedenen Themen und Perspektiven. Prominente Persönlichkeiten aus verschiedenen Institutionen nehmen daran teil.

                                        

Bereits gestern wurde auch die Sammlung „Two Family Archives“ präsentiert, die aus der Zusammenarbeit zweier Künstler, des Österreichers Friedemann Derschmidt und des Israelis Shimon Lev, entstanden ist und seit 2014 an unterschiedlichsten Orten international gezeigt wird.

„Heute, vor 80 Jahren, hat die moderne zivilisierte Gesellschaft ihre Unschuld verloren. Und ein paar Jahre später – in Auschwitz – starb Sie.“
(Alex Litsauer anlässlich der Eröffnung des Gedenkprojektes Verlorene Nachbarschaft In Buenos Aires 2018)

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